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Ineke Heß, M.A.

Die inszenierte Angst. Repräsentation von Folter und Hinrichtung in fiktionalen und nonfiktionalen Texten

Hinrichtungen und Folter werden unter anderem mit Metaphern der Inszenierung und des Theaters sprachlich organisiert, wie auch der Vollzug des Ereignisses in der Regel einer Inszenierung mit variablen theatralen (auch rituellen) Elementen entspricht oder als solche gestaltet wird. Dieser Struktur soll nachgegangen werden, eine Beschränkung auf eine Literaturgattung oder Epoche wird dabei bewusst unterlassen, um die Verwendung in den ganz unterschiedlichen Kontexten zunächst festzustellen, um dann ihre jeweilige Spezifik einerseits und ihre Analogie zu anderen Verwendungen andererseits offen zu legen. Im Fokus stehen dabei Fragen nach dem „standardisierten“ Handlungsablauf als Strategie der Angstkanalisierung, nach Öffnungen, die sich auftun und die intendierten (wie auch die in Kauf genommenen) Angstmechanismen konterkarieren, und nach der kommunikativen Wirksamkeit sich wiederholender Strukturen auch bei veränderten Vorzeichen (wie die strafrechtliche Legitimität bzw. Illegitimität „raptiver Gewalt“ [Reemtsma, Vertrauen und Gewalt]). So sucht der Historiker Richard van Dülmen mit der Bezeichnung „Theater des Schreckens“ Anschluss an den zeitgenössischen Begriff theatrum poenarum für die frühneuzeitliche Hinrichtungspraxis, und lässt dabei Retrospektion und Standpunkt opak werden. Der Toposcharakter, den die Metapher für die Bedeutung von Menschrechtsverletzungen gewonnen zu haben scheint (inwieweit die Inszenierung von Gewalthandlungen und -darstellungen und die Begegnung mit ihr zunehmend seit dem 19. Jh. pejorative Bedeutung erhalten hat, wird zu beobachten sein), zeigt sich aktuell im Kontext des Terrorismus nach 9/11. Vor allem in journalistischen Texten bezeichnet „Theater des Schreckens“ die terroristische Praxis, Hinrichtungen zu inszenieren, um sie zu filmen, um sie global im Internet verfügbar zu machen. Ohne dass das tertium comparationis der Metaphorik expliziert wird, scheint die Übertragung auf die Theaterinszenierung mit Akteuren, Rollen, Bühne, Zuschauern und vorgegebener Handlung allgemein sinnhaft zu sein.