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Dr. phil. Gregor Schwering

Vor dem Skandal – die Angst der Provokation

Durch den Skandal werden Normverletzungen öffentlich. Doch kann dieser auf verschiedene Weise zu Stande kommen. Er kann sich z.B. einer eher zufälligen oder unbeabsichtigten Entdeckung oder Enthüllung verdanken. Er kann aber auch gezielt herbei geführt werden. Letzteres bedarf dann einer Strategie, den Skandal zu provozieren. In dieser Hinsicht geht die Provokation jedem Skandal voraus. Was aber ist eine Provokation und wie lässt sie sich inszenieren? Oder anders gefragt: Gibt es eine Logik oder gar ein Rezept der Provokation bzw. lässt sich eine Struktur ausmachen, die Provokationen 'immer schon' (im Allgemeinen) kennzeichnet? Diese Frage ist in der Forschung - etwa zu den Themen Macht, Avantgarde, Kommunikationsverhältnisse, Terrorismus - zumeist nur als ein Element solcher größeren Zusammenhänge behandelt worden. In der Folge gilt die Provokation als ein Mittel oder Vehikel und gerät somit in ihren Mechanismen oder Grundlagen kaum in den Blick. In diese Lücke möchte das hier annoncierte Projekt stoßen und fragen: Was ist und wie funktioniert eine Provokation bzw. ab wann oder bis wohin kann man von einer solchen sprechen? Für eine Erfassung des Gegenstandes instruktiv ist zunächst die unabsichtliche Provokation. Sie missachtet Regeln oder bricht Tabus, weil sie in argloser Absicht z.B. ein unbedachtes Wort äußert. Obwohl diese 'Provokation' somit keine sein will, hat sie trotzdem deren Effekt. So aber wird gerade in einer solchen Konstellation deutlich, dass die Frage, was eine Provokation ist, nicht primär von den Provokateuren abhängt. Es ist vielmehr der Andere, der - bewusst oder unbewusst - entscheidet, wovon oder ob er sich provoziert fühlt. Im Sinne einer ersten Konturierung des Gegenstandes ist damit festzuhalten, dass weder die ungewollte noch die gezielte Provokation vom Anderen unabhängig sind, dass sie sogar in besonderer Weise mit ihm rechnen müssen. Provokation ist somit nicht der Abbruch von Verbindung in einer Brüskierung oder Schockierung des Anderen, sondern sucht gerade den Kontakt zu diesem. Insofern jedoch die Reaktion dieses Anderen variieren sowie zwischen diversen Ebenen changieren kann, liegt das allgemeine Moment der Provokation in einem kurzen Innehalten, das einen doppelten Spalt markiert. Verfängt, so lautet darin die Frage für den Provokateur, meine Aktion? Und auf der anderen Seite: Was will die oder der von mir, dass sie/er mich so irritiert? So aber verbinden sich die beiden Seiten zunächst in einem Aufklaffen der Konvention, das sie verunsichert. Auf dem Spiel steht dabei, das ist die Arbeitsthese des Projekts, die Angst vor dem Scheitern des Kontakts in einer hoch riskanten, d.h. paradoxen Situation, in der die Provokation zwischen konstruktiver und aggressiver Ansprache oszilliert. Diesen Grundzug skandalträchtiger Provokation, der beide Seiten - Provokateure und Provozierte - nicht unberührt lässt, möchte das Forschungsprojekt einerseits entfalten, andererseits als allgemeine Basis von Provokationen zur Diskussion stellen. Exemplarisch soll dies anhand einer Jugend- und Popkultur gezeigt werden, die sich, vor allem aus London kommend, Ende der 1970er Jahre auch in Deutschland verbreitet: Punk-Rock. Explizit der Provokation und dem Skandal verpflichtet, ist der deutsche Punk-Rock besonders deshalb interessant, weil dessen Akteure in ihrer Praxis der Provokation nicht planlos den Eklat suchen, sondern für diesen eine 'Theorie' der Provokation entwerfen, die einer Analyse des Gegenstandes weitreichende Impulse geben kann: Für die Punkrocker steht eine Adressierung des Anderen zur Debatte, die in der Provokation die Provozierten - und nicht die Provokateure - ins Zentrum rückt.