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Dr. phil Petra Tallafuss

„Chronologien der Angst: Jahrhundert- und Jahrtausendwenden als Angst-Marker?“

Jede Zeit hat ihre eigenen Weltuntergangsvisionen und spezifischen Ängste, die das Lebensgefühl einer Epoche spiegeln. Es fällt auf, dass diese Ängste insbesondere gegen Ende eines Zeitalters bzw. im Kontext des so genannten Epochensprungs thematisiert werden. Jahrhundert-  und vor allem Jahrtausendwenden können somit als Kulminations- wie auch Artikulationsgelegenheit für zeitgeistige Angstmomente verstanden werden. Sie stellen auch deshalb interessante Untersuchungsgegenstände für die Analyse von Angstkommunikation dar, weil hier kein sich ereignendes konkretes Geschehen im Sinne einer kriegerischen Handlung, ökonomischen Bedrohung oder sonstigen existentiellen Gefährdung übernationaler Bedeutung die Angstkommunikation auslöst, sondern eine kontingente Änderung der Jahreszahl, die im Falle der Jahrtausendwende alle Stellen (z.B. 1999 > 2000) und im Falle der Jahrhundertwende drei von vier Stellen der Jahreszahl betrifft. Es handelt sich also um eine reine Progression des kalendarischen Rahmens, die selbst wiederum auf willkürlichen Festlegungen beruht. Rechnerisch betrachtet ist der Übergangscharakter der Jahrhundert- und Jahrtausendwende schon allein deswegen fragwürdig, weil einerseits die Problematik der Bestimmung des Jahres Null (Cassini) übersehen wird und andererseits der Epochensprung eigentlich erst dann eintritt, wenn aus den Jahreszahlziffern [0]00 die Jahresendzahlenziffer [0]01 wird. Es drängt sich somit der Eindruck auf, dass jene „Magie der runden Zahl“ (Vondung) besondere Gefühlslagen regelrecht inspiriert und die Jahrhundert- bzw. Jahrtausendwenden somit als das gesellschaftliche Imaginäre stimulierende Angst-Marker gesehen werden können.
Die Untersuchung der Angstkommunikation konzentriert sich in diesem Teilprojekt auf die Epochensprünge einerseits vom 19. zum 20. Jahrhundert und anderseits vom 20. zum 21. Jahrhundert. Für die erstgenannte (kalendarische) Umbruchszeit und ihr Lebensgefühl wurde 1886 der Begriff des „fin-de-siècle“ (Le Décadent) geprägt, der, eine Vergleichbarkeit beider Epochensprünge behauptend – später als „fin-de-millenium“ wiederkehrte. Das symbolische Angst-Potenzial des „fin-de-siècle“ soll anhand seiner Ausprägungen in der décadence-Literatur untersucht werden. Im Mittelpunkt stehen Endzeit-Ängste, zivilisationskritische Kulturverfallsthesen, Freizügigkeitsexzesse und alternative Sinn- und Lebenssuchen wie sie sich in ästhetischer Übersetzung bei Oscar Wilde und Joris-Karl Huysman finden. Bei der Untersuchung dieser Texte – wie auch der utopischen Texte der Vorjahrhundertwendezeit (Jules Vernes) – ist somit nach Funktionalität, Codierung und performativen Ausgestaltung im Sinne spezifischer Angstartikulation bzw. -kompensation zu fragen.
Auch den Milleniums-Ängsten soll zunächst in der Literatur nachgespürt werden (z.B. Ransmayrs „Die letzte Welt“ und Staffels „Terrordrom“). Ins Blickfeld rücken hier aber auch filmische Inszenierungen von (technischen) Untergangsängsten und Verschwörungstheorien, die beispielsweise den Angelpunkt der TV-Serie „Millenium“ (Chris Carter) bilden. Dass auch hier intensiv mit Ängsten gespielt wird, zeigte bereits der Slogan zur 1996 gestarteten ersten Staffel der Serie:  „We don’t want to scare you. We want to terrify you“.