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Dr. phil. Anna Tuschling

Angstapparate. über Signaltheorien seelischer Zustände

Angsttheorien werden ab dem 19. Jahrhundert als Signaltheorien formuliert. Demzufolge signalisiert Angst reale Gefahr. Zeitgleich entsteht die moderne Technikgesellschaft unter beängstigender Transformation aller Lebensbereiche und Medien. Das Forschungsprojekt untersucht diese Zeitgenossenschaft technischer Medien und Angsttheorien unter folgenden Fragestellungen anhand der Werke von Charles DARWIN und Sigmund FREUD: Wie operieren seelische Angstsignale, und was begreifen Psychologien und Anthropologien unter
Angstaffekten? Auf welche mediengeschichtlichen Voraussetzungen greift die humanwissenschaftliche Konzeptualisierung seelischer Zustände als Signalsysteme zurück? Einerseits sollen komplexe Wechselwirkungen von psychologischer Theoriebildung mit medialen Neuerungen des 19. Jahrhunderts aufgezeigt werden, denn ohne die Geschichte des technischen bzw. elektrischen Signals wäre moderne Angsttheorie undenkbar. Andererseits greifen deren Argumentationsfiguren wichtigen Informationstechnologien des 20. Jahrhunderts vor. Das Forschungsprojekt verfolgt die These, dass Beschreibungen von analoger und digitaler Information bereits in Konzepten menschlicher Angst artikuliert werden. Wie gezeigt werden soll, erforschen sowohl Angsttheorien wie Informationstheorie einen Umschlag von Quantität in Qualität, der einmal als Affekt, das andere Mal als Verhältnis des Analogen zum Digitalen ausgewiesen wird. Dieser erklärungsbedürftige Bezug von Angsttheorien auf Medientechnikentwicklung und vice versa bildet eine Forschungslücke, die das Projekt schließen will. Damit wird eine Untersuchungsperspektive auf Medien und Angst eröffnet, die der Idealisierung genauso wie der pessimistischen Verurteilung technischen Fortschritts entgeht. Forschungsfrage und Herangehensweise exponieren die unbeachteten medialen Voraussetzungen der Emotionsforschung und ihrer Methoden. Diese sind bei DARWIN, im Anschluss an ihn aber auch bei EKMAN und FRIESEN, visuelle Medien wie die Fotografie oder der Dokumentarfilm. Untersucht werden nicht die Affektexpressionen an sich, sondern – unter mediengeschichtlicher Perspektive – die Vorgänge der Angstgenese und Triggerfunktionen.