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Dr. phil. Burkhardt Wolf

Elementare Angst – das Meer und die Affektkulturen der Seefahrt

Bereits in den frühesten (griechischen) Zeugnissen abendländischer Hochseeschifffahrt macht sich eine ‚ambivalente’ Einstellung (Lesky) zum Meer geltend: Die hohe See löst elementare Ängste und Befürchtungen aus, verlockt aber zugleich zum Wagnis und Abenteuer und provoziert damit eine primär landgebundene Kultur zu ihrer Selbstüberschreitung. Angesichts des übermächtigen Meeres bilden Seeleute von jeher ein ‚Angst-Kollektiv’ mit spezifischen Sicherheitsbedürfnissen. Deswegen bringen sie die ersten Beispiele dessen auf den Weg, was man als kollektive Vorsorge bezeichnen könnte: Sie vollziehen apotropäische Rituale, formieren sich zu Begräbnis- und Versorgungsgemeinschaften und gründen versicherungsähnliche Institutionen. Um die neuzeitliche „Angst der Seefahrer vor dem Meer“ (Delumeau) zu beschreiben, soll von derlei elementaren Kulturtechniken ausgegangen werden, mit denen Gefahren beschworen, antizipiert und bewältigt werden. Die später formulierte fundamentale Unterscheidung von Angst und Furcht versteht das Projekt genealogisch aus der (see)versicherungstechnisch eingeführten Differenzierung zwischen diffusen Gefahrenlagen und kalkulierbaren Risiken. Doch verfolgt es – mit Blick auf die neuzeitliche Seefahrt – auch jene Entdifferenzierung der Gefahrenwahrnehmung, die gerade im Schatten etablierter Sekuritätsdispositive zu neuen Kollektivvorstellungen von Gefahr und damit zu einer neuen Mentalität der Ängstlichkeit geführt hat. Wirkliche und eingebildete Gefahrenlagen, berechtigte Furcht und vollends gegenstandslose Angst werden tendenziell ununterscheidbar. Und mehr noch: Diese Entdifferenzierung wird begleitet und dokumentiert von einer Ästhetik der Erhabenheit, die im 18. Jh. in der distanzierten Betrachtung elementarer Gefahren ausbuchstabiert wurde, im 19. Jh. aber neue Schreckenshorizonte eröffnet und diese nicht zuletzt auf den Elementarraum des Meeres bezogen hat. Mithin versucht das Projekt, die Geschichte von Mentalitäten, Kulturtechniken und Poetiken ausgehend von der Seefahrt und ihren Affektkulturen zusammenzuführen.